Tony Zawinul am Institut für Popularmusik (ipop) und in Grafenegg

Tony Zawinul am Institut für Popularmusik (ipop) und in Grafenegg

Workshop und Konzert mit Zawinul Legacy Band 3.0 und Tony Zawinul am Institut für Popularmusik (ipop) und in Grafenegg

 

Workshop

 

von Günther Wildner und Markus Geiselhart

Am 1. Juni 2024 fand im Wolkenturm in Grafenegg unter dem Titel „Joe Zawinul’s Music Odyssey“ ein spektakuläres Konzert statt. Daran beteiligt waren die „Zawinul All Star Big Band“, das radio.string.quartett erweitert zu einem Streichorchester, u.a. mit dem inn.wien ensemble und die Zawinul Legacy Band 3.0.

In der „Zawinul All Star Band“, sowie im Streichorchester, als auch im großen Finale, welches von dem mdw-Lehrenden Markus Geiselhart geleitet und arrangiert wurde, waren auch Studierende der mdw beteiligt.

Drei Tage vor diesem Konzert Highlight gab die Zawinul Legacy Band 3.0 und Tony Zawinul, der älteste Sohn von Joe Zawinul, einen Workshop am Institut für Popularmusik an der mdw. Die Zawinul Legacy Band 3.0 ist besetzt mit der Crème de la Crème der amerikanischen Jazz- und Fusion Szene. Der Percussionist Bobby Thomas jr. wurde bereits 1980 Mitglied von Joe Zawinul’s legendärer Formation „Weather Report“, der Bassist Gerald Veasley war 1988 der erste Bassist in Joe Zawinul’s Syndicate, die Pianistin und Keyboarderin Rachel Z arbeitete u.a. mit Wayne Shorter, Marcus Miller und Peter Gabriel zusammen, der Saxophonist Bob Franseschini tourte mit Chaka Kahan oder ist Mitglied im Quartett von Mike Stern. Und nicht zuletzt der Schlagzeuger Omar Hakim, der 1982 Mitglied bei Weather Report wurde und in seiner Karriere in den vergangenen 40 Jahren von Miles Davis, David Bowie, Sting, Madonna bis hin zu Daft Punkt mit fast allen spielte die in der Jazz- und Pop-Szene von Rang und Namen sind.

Der Workshop-Tag begann mit einem Vortrag von Tony Zawinul, dem ältesten Sohn von Joe Zawinul. Er fokussierte in seinem Vortrag „How to Survive as an Indie Artist“ auf grundsätzlich und notwendige Softskills, Voraussetzungen und Einstellungen für Musiker:innen hinsichtlich ihrer künstlerischen Karriereentwicklung.

Unter den Schlagwörtern und Themen “Be original”, „Find your own way and path”, “Believe in your thing”, “Constant development” und „Manage your time, manage your money“ entwarf er ein aktuelles Anforderungsprofil, das hohe inhaltliche Ansprüche, Konzentrations- und Selbstmanagementfähigkeiten von Musiker:innen mit einer geglückten Work Life-Balance zu verbinden versteht.

In einer abschließenden Q&A-Runde bestärkte er die zahlreich anwesenden Studierenden zu maximal individuellen Wegen in ihrer künstlerischen und wirtschaftlichen Entwicklung.

Im Anschluss an diesen Vortrag startete der Workshop mit der Legacy Band. Bei ihrer eigene Performance der Musik von Joe Zawinul stellten die Bandmitglieder neben ihrer beeindruckenden Musikalität und Virtuosität besonders ihr Verständnis dieser Musik unter Beweis. Genau in diese Richtung ging auch das Coaching für die Workshopteilnehmer:innen. Saxophonist Bob Francescini klaschte mit dem Auditorium sich überlagernde binare und ternäre Rhythmen und zeigt auf diese Weise die Nähe von südamerikanischen Musiken und Jazz bzw. Fusion Music. Mit dem gemeinsam gefühlten und etablierten Feeling für dieses „schwingende“ Spiel beschrieb er auch die optimale Musizierhaltung für Zawinuls Musikkosmos: Rhythmus und Dynamik seien letztendlich wichtiger zu nehmen als Melodien und Harmonien. Zawinuls Musik sei als brodelnder Teppich zu begreifen und referenziere weniger auf traditionelle Themen- und Improvisationsabfolge sowie Funktionszuschreibungen für die Instrumente.

Es wurde deutlich, welche zentrale Rolle und Bedeutung dem Zusammenspiel und der Rücksichtnahme aller Bandmitglieder zukommt. Um dies zu verdeutlichen erzählte Schlagzeuger Omar Hakim von seiner ersten Zusammenarbeit mit Wheater Report. Nur wenig Zeit war in tatsächlich musikalische Proben geflossen, vielmehr schuf Joe Zawinul ein Atmosphäre der Gemeinsamkeit mit Kaffee-Trinken, Plaudern und Spaß haben, um ein kollektives Einverständnis und Vertrauen unter den Musiker:innen zu schaffen – als Basis für hochwertigen künstlerischen Austausch und Begegnungen auf der Bühne.

Anschließend gaben die Bandmitglieder individuellen Instrumentalworkshops mit den Studierenden ihrer Instrumentengruppe. Diese einstündige Workshop-Einheit war sehr bereichernd für alle teilnehmende Studierende. Bei der Percussion-Gruppe von Bobby Thomas jr. waren auch Studierende von David Panzl, vom Leonhard Bernstein Institut anwesend.

E-Bassist Gerald Veasley spielte bei seinem Instrumentenworkshop ausführlich für die anwesenden Studierenden und schaffte es dabei, sein Musikverständnis so konzise wie wortlos begreifbar zu machen.

Als Ausgangspunkt für vielfältige und spannende Improvisationen setzte er seine eigenen emotionalen Zustände, und führte vor, wie unterschiedlich er spiele, wenn sich sein inneres Empfinden ändert. Das Ergebnis seien Geschichten aus Musik, die in der Welt des/der einzelnen Musiker:in die Herausbildung einer eigenen Sprache anstoßen. Weiters empfahl Veasley das Spiel mit ausschließlich der linken Hand. Die Verbesserungen hinsichtlich Genauigkeit, Timing und Sound für das Spiel mit zwei Händen sein enorm. Basis für die musikalische Weiterentwicklung sind in seiner Sicht die Pflege von Jazz-Standards und das Lernen von Melodien. Tipps zur Entwicklung von Schnelligkeit und die Entschlackung von Grooves zu Übungszwecken und zur Verbesserung des Timings rundeten das gelungene, inspirierende und kollegiale Zusammensein ab.

Für eine letzte Workshop-Einheit wurde für ein Bandcoaching eine Studierenden-Band zusammen gestellt. Die ipop-Studierenden Stefan Eitzenberger (Saxophon), Giuliano Sannicandro (Gitarre), Alexander Vounelakos (Keyboard), Valentin Ak (Bass), Robin Weber (Schlagzeug) und Johannes Gungl (Percussion) spielten der Zawinul Legacy Band einige Zawinul-Kompositionen vor, welche in den vergangen 2 Jahren im Rahmen der „Zawinul 90“-Triologie mit der big.mdw.band erarbeitet wurden. Die Legacy-Band gab den Studierenden wertvolle Tipps für das Zusammenspiel und gab Ihnen Übungen für weitere individuelle Verbesserungen an die Hand.

Nach knapp 5 Stunden endete der Workshop. Er war für alle teilnehmende Studierende inspirierend und bereichernd.

 

Konzert am 1. Juni 2024 in Grafenegg

 

von Tommi Neubauer

 

Am 1. Juni 2024 fand im Wolkenturm von Grafenegg (Österreich) ein außergewöhnliches Konzert zu Ehren des legendären Jazzmusikers Joe Zawinul statt. Das Highlight des Abends war die Weltpremiere von Zawinuls „Mediterranean Suite„, einem bisher unveröffentlichten Orchesterwerk. Das Konzert wurde von der Zawinul All-Star Big Band unter der Leitung von Markus Geiselhart eröffnet. Diese Band setzte sich aus renommierten Jazzmusikern sowie talentierten Studenten der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien zusammen.

Das Konzert in Grafenegg bot ein vielfältiges musikalisches Erlebnis, das durch die Kombination verschiedener erstklassiger Musiker und Ensembles geprägt war. Besonders hervorzuheben ist die Beteiligung des radio.string.quartet und des Pianisten Michael Hornek.

Der Abend war eine musikalische Reise durch Zawinuls vielfältiges Werk. Zu den herausragenden Darbietungen zählte die Performance der Zawinul Legacy Band 3.0, die aus ehemaligen Mitgliedern von Zawinuls berühmten Bands Weather Report und Zawinul Syndicate bestand. Musiker wie Omar Hakim(Schlagzeug), Bobby Thomas Jr. (Percussion), Gerald Veasley (Bass), Rachel Z (Keyboards) und Bob Franceschini (Saxophon) boten eine beeindruckende Show mit Klassikern wie „Man in the Green Shirt“ und „Black Market„​​.

Den Auftakt des Abends bildete der Tune „Procession„. Markus Geiselhart hat Zawinuls Musik perfekt für Bigband arrangiert. Er zeigte eindrucksvoll, dass die ursprünglich für Fusion-Rock komponierten Stücke nichts an Frische und Energie verloren haben. Die Rhythm-Section der Zawinul All-Star Big Band führte das Publikum äußerst dynamisch in die Welt Zawinuls ein. Mit voller Energie und einem kräftigen Groove präsentierte die Bigband das von Salif Keita komponierte Stück „Waraya„, das Zawinuls Liebe zur afrikanischen Musik eindrucksvoll unter Beweis stellte. „Patriots„, das durch seine rhythmischen Strukturen und melodischen Linien besticht, wurde durch die kraftvolle Interpretation und das Zusammenspiel der Musiker zu einem der Höhepunkte des Abends, der das Publikum in die vielfältige und dynamische Welt von Zawinuls Musik eintauchen ließ. „Orient Express“ ist bekannt für seine dynamischen Rhythmen und komplexen Melodien. Die Zawinul All-Star Big Band brachte dieses Stück mit beeindruckender Präzision und Energie auf die Bühne. Die Kombination aus erfahrener Leitung und dem Talent der Bandmitglieder schuf eine mitreißende Interpretation, die das Publikum begeisterte.

Nach einer kurzen Umbaupause brachte das radio.string.quartet, bestehend aus Bernie Mallinger (Violine), Igmar Jenner (Violine), Cynthia Liao (Viola) und Sophie Abraham (Cello), eine einzigartige Klangfarbe in die Aufführung. Das Ensemble ist berühmt für seine innovativen Arrangements und seine Fähigkeit, klassische und moderne Musikstile zu verbinden. Ihre Interpretation der „Mediterranean Suite“ von Joe Zawinul, die an diesem Abend uraufgeführt wurde, war ein Höhepunkt des Konzerts​.
Michael Hornek, ein herausragender Solist und Pianist, ist für seine Vielseitigkeit und technische Brillanz bekannt und brachte eine zusätzliche Tiefe in die Darbietungen. Seine Zusammenarbeit mit dem radio.string.quartet war ein wesentlicher Bestandteil des musikalischen Erfolgs des Abends​​.

Die Zawinul Legacy Band 3.0 hatte sowohl zeitlich als auch lautstärkenmäßig den meisten Raum des Abends. Mit den Zawinul-Klassikern „Man in the green shirt„, „Corner Pocket„, „The Juggler„, „Black Market„, „Elegant People„, „Between the Thighs„, „Db Waltz“ überzeugten die Ausnahmemusiker Omar Hakim, Bobby Thomas Jr., Gerald Veasley, Rachel Z und Bob Franceschini.

Ein besonderes Highlight war das große Finale, bei dem alle beteiligten Musiker gemeinsam auf der Bühne standen und den Abend mit einer kraftvollen Darbietung von „Birdland“ abschlossen. Der gesamte Abend wurde von Antony Zawinul, dem ältesten Sohn von Joe Zawinul, als Konzertdokumentarfilm unter dem Titel „Joe Zawinul’s Music Odyssey“ festgehalten.

Dieses Konzert war nicht nur eine Hommage an Joe Zawinul, sondern auch ein Beweis für die hohe musikalische Qualität und das Engagement aller beteiligten Künstler, die das Publikum in Grafenegg begeisterten. Mit diesem Abend hat Markus Geiselhart einen Meilenstein der Musikgeschichte gesetzt. Großer Respekt und Kompliment!

Medienstimmen:

„Das westafrikanische „Waraya“ von Salif Keita im 6/8-Puls und Tunes für ein Quintett aus den 70er- und80er- Jahren in acht Wochen Arbeit famos ins Bigband-Format transkribiert und arrangiert hat Markus Geiselhart. Er bewies, dass das, was einem da wie ein Sturm um die Ohren fegt und die Füße wippen lässt, kein Körnchen Staub angesetzt hat. Das Material von Weather Report bis zum weltmusikalischen Syndicate hat bis heute Frischegarantie.“

KURIER, 3.6.2024

 

 

Im Gespräch mit Joe Doblhofer

Im Gespräch mit Joe Doblhofer

Über Panzerballette & Sideman-Erfahrungen, Studieren, Unterrichten und Musik als Sprache

 

Joe Doblhofer im Gespräch mit Günther Wildner

 


 

Günther Wildner: Seit einem Jahr unterrichtest du nun am Institut für Popularmusik, wie war das für dich?

Josef „Joe“ Doblhofer: Sehr, sehr spannend, die ganz große Wohltat ist, dass ich mit Studierenden arbeiten darf, die durch die Bank motiviert sind, dafür bin ich sehr dankbar.

GW: Hast du Erfahrung mit Motivationsbarrieren?

JD: Ja, aus der Musikschule. Dabei ist mir klar, dass man mit E-Gitarre 7 bis 10-Jährige nicht unmittelbar erreichen und begeistern kann, denn das Idiom erfordert Wissen um soziokulturelle Hintergründe, siehe z.B. den Blues. Man kann10-Jährige gut für die Musik von AC/DC begeistern, muss jedoch die teils expliziten Lyrics umschiffen. In unserem universitären Umfeld wiederum kann man Musik gleich gesamtheitlich betrachten.

GW: Wieviele Studierende unterrichtest du?

JD: Ca. 20, im Fach Gitarre ist das Hauptfach das ganze Studium lang geteilt, somit sind die Studierenden jeweils 45 Minuten pro Woche bei mir. Der gleiche Zeitraum ist für Akustikgitarre reserviert, die von Martin Kelner, Arnoldo Moreno und Gonzalo Manrique Vallier unterrichtet wird. Für den Großteil der Studierenden ist das herausfordernd, weil man viel üben muss, um die verschiedenen Stilistiken und Spielweisen von E- und Akustikgitarre zu erlernen. In meinem Unterricht geht es um die Entwicklung des Handwerks sowie der eigenen Stimme am Instrument, da sind 45 Minuten pro Woche nicht viel Zeit …

GW: Hast du ein Grundprogramm für alle Instrumentalist*innen?

JD: Ja, es gibt diese Grundkompetenzen, die ich ausgehend von dort, wo meine Studierenden gerade stehen, zu vermitteln versuche – das können  Phrasierungsübungen, Voicings, aber auch intrumentaltechnische Grundlagen sein – letztlich jede Art von Thematik, die das Instrument und die damit assoziierte Musik auf einer substanziellen, universellen Ebene beleuchtet. Zu diesen Themen kommen Studierende über unterschiedliche Wege, abhängig von der jeweiligen individuellen musikalischen Vorgeschichte. Mein Anliegen wäre es, einen Blick für die jeder Musik zugrundeliegenden universalen Parameter mitzugeben, also den substanziellen Gehalt, auf dem aufbauend dann die stilistische Bandbreite bzw. das Finden eines persönlichen Stils als Fragen des Geschmacks stehen.

GW: Wie unterschiedlich sind die Vorkenntnisse der Studierenden?

JD: Sehr unterschiedlich. Letzte Woche habe ich meine ersten Zulassungsprüfungen erlebt. Dabei war spannend zu sehen, welche Charaktere zu uns kommen. Grob teile ich sie in zwei Gruppen ein: jene, die schon aus der Bandpraxis kommen und unter Umständen zwar die schlechteren Theoretiker sind, aber erkennbar routiniert mit der Live-Situation einer Prüfung umzugehen in der Lage sind, und jene, die zwar richtige Töne spielen, aber das eher wie das Aufsagen eines Muttertagsgedichts praktizieren, ohne das verwendete Vokabular in ihrem aktiven Wortschatz zu haben. Eben dieses substanzielle Verständnis von Musik ist mir wichtig, nicht nur die handwerklichen Fähigkeiten

GW: Wie ist bei dir das Verhältnis von Männern und Frauen?

JD: Von meinen 21 Studierenden ist eine weiblich.

GW: Warum ist das so?

JD: Ich weiß es nicht. In anderen Instrumentengruppen ist das Verhältnis ausgewogener, z.B. bei Bass und Schlagzeug. Dieses Phänomen zieht sich durch alle Ebenen und Bereiche: von Musikschulen bis Universitäten, von Kindern bis zu den Lehrenden. Im Herbst 2024 wird Jennifer Batten für einen Workshop an die mdw kommen. Sie interessiert sich weniger um die Erfüllung von Geschlechterrollen, sondern um Jobs – ein durchaus professionell amerikanischer Zugang.

GW: Wie sieht dein künstlerischer Werdegang aus?

JD: Ich stamme aus Wels, das von den kreativen Möglichkeiten begrenzt ist, weswegen ich mich immer nach Linz orientiert habe. Dort arbeitete ab Mitte der 1990er mein damaliger Musikschullehrer Wolfgang Bründlinger, der aus der ersten Abschlussklasse des Linzer Konservatoriums kam und immer viel gespielt hat und stilistisch breit aufgestellt war – von Bands bis Studio und Musiktheater. Sein Input war wertvoll. Musikalisch komme ich ja aus dem Fusion-Bluesrock-Kontext, habe schließlich Jazz in Linz studiert. Ich war da lange unschlüssig, wie ich die klangliche Welt der Brettgitarre mit den Jazzinhalten des Studiums verbinden kann. Da hat mir u.a. Gerald Gradwohl einen inspirierenden Weg aufgezeigt, wie das funktionieren kann, und wie man mit anspruchsvoller Musik ein interessiertes Publikum erreicht, wie groß das im Einzelkonzert auch immer sein mag.

GW: Deine Lehrer an der Bruckner Privatuniversität waren mit Peter O’Mara, Martin Stepanik und Martin Koller sehr unterschiedlich …

JD: Auf jeden Fall, meinen Bachelor habe ich bei Peter O’Mara gemacht, der 2022 in Pension gegangen ist. Er ist im Herzen ein Jazzgitarrist und hat mich sehr gut dort abgeholt, wo ich seinerzeit gestanden bin. Das sprachliche Element in der Musik zu beachten und zu pflegen, das habe ich von ihm übernommen, wie auch die entsprechende Begrifflichkeit (Phrasing, Vokabular etc.). Lange hat mich die Dualität des Jazzbegriffs, also einerseits Jazz als Stil und andererseits Jazz als Musizierhaltung beschäftigt, nicht zuletzt, weil mir die traditionelle Soundästhetik der Jazzgitarre zwar lange fremd war, ich nichtsdestotrotz aber von der interaktiven Musizierpraxis fasziniert war.

GW: Wie ging es dann weiter?

JD: Für den Master war ich dann beim Pianisten Martin Stepanik, der mir ganz andere Perspektiven eröffnet hat. Wir haben konzeptionell gearbeitet, mit Spiegelskalen und symmetrischen Skalen. Daran habe ich später mit Martin Koller angeschlossen, der ebenfalls einen abstrakten Blick auf die Musik hat, die Symmetrie der Gitarre erforscht usw. Unser Common Ground war die stilistische Ecke um Allan Holdsworth, da haben wir uns getroffen. Es war eine inspirierende Zeit.

GW: Wolltest du immer schon viel unterrichten, z.B. an einer Universität?

JD: So etwas wie eine Professur, das kann man nicht anstreben. Denn es ist schwierig und macht keinen Sinn, darauf hinzuarbeiten. Zu viele Faktoren spielen da mit, die man nicht beeinflussen kann. Ich glaube, man kann sich nachhaltig unglücklich machen, wenn man Ziele verfolgt, deren Erreichen von Faktoren abhängt, die jenseits des persönlich Beeinflussbaren liegen. Dass mich das Unterrichten aber sehr interessiert, das habe ich immer schon gewusst.

GW: Wie hat es dann schließlich mit der Professur und Berufung an die mdw geklappt?

JD: Ich habe mich beworben und bin zum Hearing eingeladen worden, d.h. zum künstlerischen Vortrag von 20 Minuten, zu zwei Lehrproben und einem Gespräch mit der Kommission, die aus Ralf von Appen, Nataša Mirkovic und Peter Legat vom ipop sowie aus Guido Jesenski (Graz) und Paulo Morello (Berlin) sowie Studierendenvertreter*innen bestand. Das Gespräch fand ich äußerst gelungen und kollegial, es hat sich sehr gut angefühlt. Es ging u.a. um die ganzheitliche Unterstützung und Motivation für unsere Studierenden, um die popkulturelle Landschaft in Österreich und um die Situation der zu geringen Anzahl an Gitarristinnen im Studium und in der Szene.

GW: Wie hast du deinen künstlerischen Vortrag konzipiert?

JD: Ich habe mit meinem Trio gespielt und für ein Stück noch einen Keyboarder dazugenommen, wobei mein Fokus auf einer abwechslungsreichen, aber künstlerisch kohärenten Präsentation großteils eigener Stücke lag, in der Hoffnung, dass die neben dem eigenständigen künstlerischen Profil ebenfalls geforderte stilistische Bandbreite auch in einem solchen Rahmen erkennbar sein würde. Besonders erwähnen möchte ich, dass die Atmosphäre, unter der das Hearing stattgefunden hat, äußerst wertschätzend war. Das kennzeichnet die mdw, denn ich hatte das auch schon früher als Begleitmusiker bei Studierendenprüfungen positiv erlebt – und an anderen Ausbildungsinstitutionen vermisst.

GW: Was waren die Themen beim Vorunterrichten mit den Studierenden?

JD: Einerseits ging es um Harmonik, also verschiedene Voicing-Möglichkeiten einer Akkordverbindung in unterschiedlichen Lagen, andererseits um ein abstrakteres Improvisationskonzept. Hier hätten wir noch mehr Zeit gebraucht als die veranschlagten 20 Minuten.

GW: Aus welcher musikalischen Sozialisation kommst du?

JD: Meine Eltern sind auf einer nicht professionellen Ebene musikalisch gebildete Leute: sehr gute Pianisten im klassischen Kontext. Sie spielen Orgel in der Kirche und Kammermusik zuhause. Als Sechsjähriger habe ich mit Violine begonnen und das zehn Jahre praktiziert. In der Pubertät konnte ich mich dann nicht mehr begeistern. Zu dieser Zeit hat sich einer meiner Onkeln, der beim ORF tätig war, eine E-Gitarre gekauft. Für mich war das eine Offenbarung, das „Raumschiff im Koffer“ – und Bünde zu greifen war mir natürlich gleich sympathisch. Wir sind dann in die Klangfarbe am Einsiedlerplatz gefahren und er hat mir eine mintgrüne Stratocaster besorgt, die ich immer noch besitze und verwende. Zu spielen habe ich dann zunächst zwei bis drei Jahre autodidaktisch begonnen. Nach der Matura gab es eine Diskussion mit meinen Eltern, die unbedingt wollten, dass ich studiere. Ich hingegen wollte Musik machen. Die Notlösung und der Kompromiss war dann Anfang der 2000er Jahre ein Studium der Musikwissenschaften, kombiniert mit Philosophie, auf der Hauptuni in Wien mit viel außereuropäischer Musik und Ethnomusikologie sowie Musiktechnologie, also Fourier-Analyse, mp3-Format usw. Die Gehörbildung bei Reinhard Micko war sehr cool und für mich eine wichtige Informationsquelle. Ein bis zwei Jahre ging das gut, dann wollte ich unbedingt mein Instrument studieren und ging nach Linz.

GW: Hattest du für deine künstlerischen Tätigkeiten einen konkreten Plan?

JD: Meine künstlerischen Wege haben sich immer von selbst ergeben. Zunächst hatte ich noch mit meiner Entwicklung während des Studiums gehadert, weil ich den Anschluss an die Jazzszene nicht gefunden habe. Immer wieder haben sich jedoch aus Zufallsbekanntschaften Kooperationen ergeben, die mich u.a. auf zwei Touren mit Deep Purple Drummer Ian Paice geführt haben – das war ausgehend von einem Substituten-Gig bei einer lokalen Bluesband, deren irischer Gastsänger mich in der Folge anfragte. Ich selber kam damals über Ritchie Blackmores Nachfolger Steve Morse zu Deep Purple, dessen starker, von klassischer Kontrapunktik, Country und Jazzrock beeinflusster Stil es mir angetan hatte. Auch hat mich damals schon der stark improvisatorische, interaktive Charakter ihrer Live-Konzerte sehr fasziniert.

GW: Wo seid ihr überall aufgetreten?

JD: In 500er und 1.000er Venues in Ungarn, Schweiz, Deutschland, Polen, den Niederlanden und Österreich. Zu Beginn konnten wir Bandmitglieder noch musikalisch mitgestalten, alles stand am Anfang. Jahre später hatte sich unsere Tätigkeit eher auf eine Dienstleistung reduziert mit dem Argument, dass das Publikum genau dieses und jenes verlangt. Das fand ich schade und ernüchternd.

GW: Bei deiner Band Panzerballett ist das hingegen ganz anders, nicht?

JD: Ja, definitiv, es war für mich viel Arbeit, in diese musikalische Komplexität hineinzuwachsen. Begonnen hat alles mit der Einladung zur Gitarrenaudition, auf Basis von Noten, durch den Panzerballett-Schlagzeuger Sebastian Lanser, mit dem ich studiert hatte. Die Band spielte immer mit zwei Gitarristen, und der Kollege neben Mastermind Jan Zehrfeld stieg aus. Die Band hatte da schon sieben Jahre bestanden und hatte viele Konzerte, 30 bis 40 pro Jahr. Ich habe den Job bekommen und neben einer neuen, starken Orientierung nach München hatte ich viel Material zu lernen, vor allem aber auch, wie diese Musik genau funktioniert, denn in klassischer Notation sind z.B. rhythmische Überlagerungen oft nur schlecht lesbar abzubilden. Aber ich bin hineingewachsen. Panzerballett war damals keine reine Metal Band, sondern stilistisch breit aufgestellt, wobei die harten stilistischen Brüche und starken Kontraste kennzeichnend waren, also eigentlich keine Fusion im eigentlichen Sinne. Besonders mit Heiko Jung am E-Bass und Saxofonist Alexander von Hagke flossen viele Jazzeinflüsse in die Interpretation der Stücke ein. Es ging bei Panzerballett immer zuallererst um die Musik, und mir bot sich ein inspirierendes Umfeld mit hochkarätigen Musikern. In den letzten beiden Jahren standen Projekte und Tourneen mit Virgil Donati, Schlagzeug, und Anton Davidyants, E-Bass, auf dem Programm.

Mit meinem Trio FS3 habe ich mir zuletzt ein musikalisches Umfeld geschaffen, in dem ich versuche, all meine persönlichen Ansprüche an Gitarrenmusik im weitesten Sinn unterzubringen, also Raum sowohl für Komposition als auch Interaktion, stilistische Offenheit und, was mir besonders wichtig ist, eine sowohl auf musikalischer als auch menschlicher Ebene inspirierende Atmosphäre mit meinen langjährigen musikalischen Partnern Gerald Kiesewetter (Bass) und Florian Kasper (Drums).

GW: Was rätst du Studierenden für ihren Karriereaufbau?

JD: Sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren, nicht nur auf das Ausmerzen von Defiziten, das habe ich u.a. in der Zusammenarbeit mit Virgil Donati so deutlich erlebt. In der Musikschule wiederum geht es in meinen Augen immer weniger um reine Wissensvermittlung, sondern einerseits die Kuratierung verfügbaren Wissens und anderseits um das Vorzeigen eines künstlerischen Lebensmodells, also Role Model zu sein. Wir müssen Rituale des Musizierens und Musikhörens weitergeben und zeigen, dass man für Musik als soziale Tätigkeit brennen kann. Musik hat als non-verbale Sprache genau diese Funktion, besonders Musik mit improvisatorischem Anteil.

 


 

Joe Doblhofer

Geboren 1981 in Linz, studierte Doblhofer Jazz-Gitarre an der Anton Bruckner Privatuniversität bei Peter O’Mara, Martin Stepanik und Martin Koller. Sein Studium hat er 2022 mit Auszeichnung abgeschlossen.

Seit 2010 ist er als freischaffender Musiker tätig. Die Crossover-Band Panzerballett und sein eigenes Trio FS3 mit Gerald Kiesewetter und Florian Kasper stehen im Zentrum seines künstlerischen Schaffens mit Konzerten in Europa, Asien und den USA. 2022 erschien das FS3-Debütalbum „Cats ’n’ Strats“.

Sein musikalisches Betätigungsfeld erstreckt sich von in Jazz und Blues wurzelnden Spielarten improvisierter Musik bis hin zu zeitgenössischer E-Musik, Theater und Musical, wodurch sich Kooperationen und Arbeiten mit und für Musiker_innen wie Martin Grubinger, Virgil Donati (Planet X), Ian Paice (Deep Purple), Randy Brecker, Anton Davidyants, Mathias „IA“ Eklundh (Freak Kitchen), Trilok Gurtu, Vera Böhnisch, Vincent Bueno, Jürgen Kuttner, Peter Androsch, Christian Diendorfer oder dem Brucknerorchester Linz und den Nibelungenfestspielen Worms ergaben.

Intensiv setzt er sich mit den Themen Recording und Gitarren-Sound auseinander. Sein Interesse gilt auch musiktheoretischen und philosophischen Fragen, etwa der Suche nach Parallelen zwischen gesprochener Sprache und improvisierter Musik, oder der Frage nach dem Einfluss künstlicher Intelligenz auf das Selbstverständnis angehender Musiker_innen.

Mit 1. Oktober 2023 trat Josef Doblhofer seine Professur für Gitarre Popularmusik am Institut für Popularmusik an der mdw an.

Im Gespräch mit Philipp Nykrin

Im Gespräch mit Philipp Nykrin

Über Elektronik und Improvisation, Komponieren und Interagieren sowie Grundprogramme in der universitären Ausbildung

 

Philipp Nykrin im Gespräch mit Günther Wildner

 


 

Günther Wildner: Wie bist du zur Musik gekommen?

Philipp Nykrin: Geboren und aufgewachsen bin ich in Salzburg. Schon vor der Volksschule durfte ich mit dem Geigenspiel beginnen und mit der Zeit, zuerst nur nebenher, Klavier lernen. Später habe ich das Musische Gymnasium in Salzburg besucht, wo man unterschiedliche Schwerpunkte wählen kann: Musik, Tanz, bildnerische Erziehung und Literatur. Ich habe mich für Musik entschieden und lange mit der Geige, meinem ersten Instrument, im Orchester gespielt. Als Jugendlicher wechselte ich dann zum Hauptinstrument Klavier. In den Jahren darauf habe ich mehr und mehr in Bands in- und außerhalb der Schule gespielt und so meine ersten Schritte in das große Feld gemacht, in dem ich heute tätig bin. Klavierunterricht hatte ich damals bei Bruno Juen am Salzburger Musikschulwerk. Bis heute habe ich noch Bezug und Kontakt zu Kolleg_innen und Lehrenden in Salzburg.

GW: Wie ging es dann weiter?

PN: Nach Matura und Zivildienst in Salzburg habe ich an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz „Instrumental(Gesangs)Pädagogik Jazz und Popularmusik“ studiert, wie viele meiner damaligen musikalischen Kolleg_innen auch. Meine Lehrer im zentralen künstlerischen Fach Jazz-Klavier waren dort Christoph Cech und Martin Stepanik. Beide sind sehr starke Musikerpersönlichkeiten, was in ihrem jeweiligen Klavierspiel sofort hörbar ist. Beide sind sie enorm interessiert und vielseitig, was ich an ihnen sehr schätze. Von Christoph Cech habe ich zum Beispiel viel hinsichtlich Harmonik, Rhythmik, pianistischer Fertigkeit und Komposition gelernt, bei Martin Stepanik viel im Bereich der Elektronik sowie der Interpretation unterschiedlicher Stücke. Beide haben mich auch definitiv für meinen heutigen Unterricht an der mdw inspiriert.

GW: Was war dein Zweitinstrument im Studium?

PN: Da, wie erwähnt, mein Anfangsinstrument die Geige war, habe ich Jazz-Violine als zweites Instrument und Schwerpunkt bei Andi Schreiber belegt. Das Studium und die vielen Eindrücke aus dieser Zeit haben meine eigene Musik stark mitgeprägt. In ihr ist der Jazzbezug oft spürbar, sie bewegt sich aber auch in Grenzbereiche und zu anderen populären Musikstilen. Zunächst habe ich mich primär mit dem akustischen Klavier beschäftigt, dann mehr und mehr mit elektronischen Tasteninstrumenten. Dabei habe ich auch immer schon komponiert. Aus der Studienzeit heraus sind auch viele Zusammenarbeiten entstanden, die zum Teil bis heute anhalten.

GW: Wie hat sich deine pädagogische Tätigkeit entwickelt?

PN: Über viele Jahre war sie nur im Privatunterricht und fallweise im Bereich von Workshops angesiedelt, so war ich u.a. Dozent beim „Nordic Grooves“ in Heidenreichstein im Waldviertel. Das hat sich dann mit der Anstellung als Senior Lecturer an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz (KUG) stark verändert, die ich in der Nachfolge des tragischerweise an den Folgen einer Covid-Erkrankung verstorbenen Uli Rennert antreten durfte. Ich habe das als große Ehre empfunden. Uli Rennert hatte sich wie ich viel mit der Kombination von akustischer Musik mit Synthesizern und Elektronik in einem improvisatorischen Kontext beschäftigt und hatte nicht zuletzt deshalb eine ganz besondere Stellung auf der Jazzabteilung in Graz inne. Ich war zwei Jahre an der KUG angestellt. Während dieser Zeit wurde ich auch von Christoph Cech gefragt, ob ich während seines Sabbaticals einen Teil seiner Stunden übernehmen könnte, und so habe ich dann zusätzlich Hauptfach Jazzklavier an der Anton Bruckner Privatuniversität unterrichtet. Das waren tolle Erfahrungen, diese beiden unterschiedlich ausgerichteten Ausbildungsinstitutionen aus der Nähe kennenzulernen, und wohl auch eine ausgezeichnete Vorbereitung für die Professur an der mdw.

GW: Wie denkst du über Stilpluralismus in der universitären Ausbildung?

PN: Ich fühle mich am ipop sehr zuhause, gerade weil hier eine sehr moderne Ausrichtung und Auffassung der Popularmusik praktiziert wird. Man versucht, eine große stilistische Breite abzubilden und Studierende in einem weiten Kunstbegriff auszubilden. Im Bachelorstudium geht es um ein umfassendes Kennenlernen unterschiedlichster Stile, im Masterstudium steht dann die Entwicklung eines künstlerischen Profils im Vordergrund. Beide Aspekte sind aber natürlich in der gesamten Studienzeit wichtig!

GW: Vielfalt kennzeichnet ja auch dein eigenes Schaffen!

PN: Auf jeden Fall, ich habe mir aus allen Popularmusik-Stilen viel herausgeholt, wie auch aus dem Jazz, der in seiner gesamten Entwicklung ja sehr eng mit der Popularmusik verbunden war. Stets waren und sind da Querverbindungen und gegenseitige Einflüsse erkennbar. Darüber hinaus haben mich Songwriting, Produktion und Sounddesign immer inspiriert, und ich versuche sie kompositorisch wie improvisatorisch einzusetzen. Vor allem in der Verwendung von elektronischen Tasteninstrumenten sehe ich da wahnsinnig viel Luft nach oben. Wir haben hier eine große Innovationskraft, und elektronische Tasteninstrumente werden immer zugänglicher, leistbarer und vielseitiger. Dieses Feld wird mich auch in meinem eigenen musikalischen Schaffen in den nächsten Jahren weiterhin ausführlich beschäftigen.

GW: Hast du ein fixes Grundprogramm in deinem Unterricht?

PN: Es ist eine Kombination: Ich möchte einerseits möglichst viele wichtige Aspekte des weiten Felds der Popularmusik, deren Umsetzung auf unterschiedlichen Tasteninstrumenten sowie deren Vermittlung behandeln, und andererseits meinen Studierenden ermöglichen, die Dinge, für die sie brennen, in den Unterricht einzubringen. Ich umrahme also die Felder, in denen die Studierenden schon intensiv arbeiten, mit einem Grundprogramm. Meine Erfahrung ist außerdem, dass sich immer ein besonderer Lerneffekt einstellt, wenn man gezielt auf etwas hinarbeitet. Wenn also ein Ensembleprojekt an der Universität oder ein eigenes Bandprojekt anstehen, dann arbeiten wir natürlich an diesen Inhalten und Stücken.

GW: Wie ist die Aufteilung zwischen Klavier und Keyboards?

PN: Wer sich verstärkt für Keyboards interessiert, bekommt von mir ganz bewusst auch das akustische Klavier angeboten und umgekehrt. Ich hole meine Studierenden dort ab, wo sie stehen, und rege sie dazu an, ihre Möglichkeiten zu erweitern.

GW: Wie wichtig ist Changes-Improvisation für dich?

PN: Sehr wichtig. Es geht um das spontane Sich-Bewegen-Können in unterschiedlichen musikalischen Akkordfolgen und Formen. Das muss man nicht nur im Jazz, sondern in allen Stilen der Popularmusik beherrschen. Daher ist es Teil des Unterrichts, ein Verständnis für Skalen und Stufenprogressionen sowie einen offenen und flexiblen Umgang mit musikalischen Formen zu entwickeln.

GW: Was denkst du über stilgerechtes Musizieren?

PN: Viele Stilistiken haben ihre traditionellen Spielformen, die sich mit der Zeit aber enorm weiterentwickelt und verändert haben. Sowohl mit der musikalischen Tradition als auch dem Prozess der Weiterentwicklung sollte man sich auseinandersetzen. Darüber hinaus macht es einen Unterschied, in welchem Kontext Musik gespielt wird. Letztlich stellt sich aber immer die Frage: Wie finde ich meine eigene musikalische Stimme? Denn Leute, die ähnlich spielen wie andere, gibt es viele. Bei einem Solo frage ich mich immer: Was kann ich selber damit aussagen? Und als Musikkonsument komme auch ich immer wieder zu Musiker_innen zurück, die sehr eigenständig spielen.

GW: Mit welchen Vorkenntnissen kommen die Studierenden ans ipop?

PN: Das ist sehr unterschiedlich, und daher will ich auch kein automatisches Grundprogramm durchziehen. Auch auf Grund der verschiedenartigen Studiengänge an der mdw ist der Fokus im Unterricht individuell zugeschnitten. Manche musikalische Biografien sind stark vom akustischen Klavier oder vom Keyboardbereich geprägt, manche vom Jazz, manche von elektronischer Popmusik. Ich bestärke meine Studierenden in ihren eingeschlagenen Wegen und füge eine fundierte Grundausbildung hinzu.

GW: Wieviele Studierende unterrichtest du?

PN: Insgesamt sind es in diesem Wintersemester 13 Studierende, hauptsächlich im Einzelunterricht IGP Tasteninstrumente Popularmusik. Dann habe ich noch drei IME-Studierende, die als erstes Instrument Gesang haben, einen IME-Studenten mit erstem Instrument Tasteninstrumente, zwei ME-Studierende und eine Klassik-Studentin, die den Schwerpunkt „Erweiterndes Instrument Tasteninstrumente Popularmusik“ bei mir macht. Im letzten Semester habe ich auch ein Ensemble unterrichtet. IGP- und IME- Studierende haben pro Woche 2 Semesterstunden Einzelunterricht bei mir, also 90 Minuten, ME-Studierende 1,5 Semesterstunden, und meine Schwerpunktstudierende eine Semesterstunde. Dieser energetisch fordernde Unterricht an der mdw ist toll, ein neuer Lebensabschnitt für mich – noch dazu in Wien, wo ich lebe. Dabei schätze ich, dass die mdw daran interessiert ist, dass die Unterrichtenden künstlerisch aktiv sind. Letztes Jahr habe ich viele Konzerte gespielt, und das ist immer unterstützt worden. Wenn ich freigestellt werde für Tourneen, dann bringe ich den Unterricht davor oder danach ein. Auch die Studierenden sind bereits viel mit ihren musikalischen Projekten unterwegs.

GW: Die Liebe zur Geige hast du dir erhalten?

PN: Ja, ich habe dieses Instrument so lange gespielt, dass ich es noch immer cool finde, auch wenn ich inzwischen nicht so viel Zeit dafür habe. Die spielerischen Fertigkeiten kommen auch halbwegs schnell wieder zurück, wenn ich die Geige wieder in die Hand nehme. Auf jeden Fall will ich sie in Zukunft wieder mehr verwenden.

GW: Wie ist die Musik in deiner Familie verankert?

PN: Mein Vater, mittlerweile pensioniert, war Universitätsprofessor am Carl-Orff-Institut des Mozarteums und meine Mutter eine Volksschullehrerin, die ganz viel Musik in ihren Unterricht einbrachte. Musik wurde von meinen Eltern immer gefördert und war ein wichtiger Teil unserer Familie. Auf der anderen Seite wurden wir zu nichts gedrängt. Mein Bruder ist drei Jahre älter, Informatiker und spielt heute wieder hobbymäßig Klavier.

GW: Was waren deine Überlegungen zur Audition der mdw-Professur in der Nachfolge von Reinhard Theiser?

PN: Ich wollte mich in erster Linie so präsentieren wie ich bin. Für den künstlerischen Teil habe ich eine Triobesetzung mit Beate Wiesinger und Herbert Pirker gewählt, also eine Besetzung, die auch eine fixe Band von mir sein könnte. Ich wollte sie natürlich dann auch beim Antrittskonzert im vergangenen Juni dabeihaben, dazu Fabian Rucker, mit dem ich viel und intensiv zusammenarbeite. Um einen größeren Teil meines künstlerischen Schaffens zu präsentieren, bin ich an diesem Abend mit mehreren Formationen aufgetreten. Die akustischen Aspekte meiner Musik stellte ich mit Fabian Rucker im Duo vor, davor und danach wurden einige Stücke aus dem Repertoire des Ensembles „Purple Muscle Car“ gespielt, mit dem ich aktuell ein Album fertiggestellt habe. Schließlich kam noch die Rapperin Fiva, mit der mich eine lange Zusammenarbeit verbindet, auf die Bühne, was noch den popularmusikalischen Aspekt meiner Arbeit abbildete.

GW: Wie kam es zu eurer Kooperation?

PN: Stephan Kondert, ein Bassist, der mittlerweile in New York lebt, leitete in der Region Salzburg die Hiphop-Bigband „SK Invitational“. Fiva, bürgerlich Nina Sonnenberg, war bei mehreren Konzerten ein Feature-Gast. Stephan hat danach in weiterer Folge Herbert Pirker und mich als Partner für eine direkte Zusammenarbeit mit Fiva hinzugeholt. Zu viert entstand dann 2013/2014 das Album „Alles leuchtet“. Im Hiphop liefern die Produzent_innen zumeist Instrumentals und Beats als erstes Material. Aus diesem Pool wird dann vom Artist ausgewählt. In unserer Zusammenarbeit hat Nina aus vielen groben Layouts, die wir für sie entwickelt haben, ihre Favoriten ausgewählt, über die sie dann Lyrics geschrieben hat. Danach haben wir die Stücke in einem Bandkontext fertig entwickelt und aufgenommen. Es wurde ein sehr organisches Album mit spontanem Interplay der Musiker_innen.

GW: Habt ihr die Zusammenarbeit auch auf den Live-Bereich ausgedehnt?

PN: Ja, wir spielen seither immer wieder zusammen. Nina veranstaltet in dieser Saison eine vierteljährliche Konzertserie, den „Salon Sonnenberg“, im Münchner Volkstheater. Für den Oktobertermin haben wir ein eigenes Programm zusammengestellt mit Stücken von Fiva und von Gästen wie Ankathie Koi und Romantic Slivo von „5/8erl in Ehr’n“. Das Format beinhaltet neben der Musik auch Interviews mit den Gästen in entspannter Atmosphäre auf der Bühne.

GW: Im Jazzbereich arbeitest du ja u.a. mit Tobias Hoffmann und seinen Ensembles …

PN: Einerseits habe ich mit seinem Nonett das Album „Retrospective“ aufgenommen. Dieses Ensemble hat den ersten Platz der „Made in New York Jazz Competition 2019“ in der Kategorie „Band“ gewonnen, in der Jury waren Lenny White, Mike Stern und Randy Brecker. Andererseits habe ich bei Tobias‘ Jazz Orchestra-Produktion „Conspiracy“ (2022) mitgewirkt. Tobias ist ein hervorragender, vielseitiger Komponist mit sehr großem Output, schreibt sehr spannenden Modern Jazz und kann für alle Besetzungen exzellent arrangieren.

GW: Welche Projekte stehen bei dir weiters an?

PN: Mit Fabian Rucker bin ich konstant am Arbeiten, und wir haben ein Duo-Album in der Schublade, das 2025 veröffentlicht wird – auf seinem Label Wave Breeder Records. Das Debut-Album der vorher erwähnten Band „Purple Muscle Car“ wird im Dezember erscheinen, auch auf Fabians Label. Wir ergänzen uns ausgezeichnet, sind beide kompositions- und produktionsaffin. Zusätzlich habe ich ein Solo-Projekt begonnen, das elektronische Musik in einen improvisatorischen Kontext stellt – ein Langzeitprojekt. Weiters ist unter meiner Mitwirkung auf BMC Records, dem Label des Budapest Music Centers, das Album “Unimportant Things” des Percussionisten András Dés erschienen. Neben András und mir spielen der Trompeter Martin Eberle und der Gitarrist Márton Fenyvesi auf der Aufnahme, live ist Kenji Herbert an der Gitarre mit dabei.

Mit Efrat Alony, Gesangsprofessorin an der Anton-Bruckner-Privatuniversität in Linz, habe ich schließlich ein Duo. Sie hat Händel-Kompositionen in einem modernen Jazzkontext bearbeitet. Manches songmäßig, manches mehr abstrahiert. Eine Bandfassung dieser Arrangements wurde auf dem Album „Händel – Fast Forward“ veröffentlicht. Wir spielen diese Händel-Adaptionen in einer Duo-Variante mit Klavier und Stimme, diverse Konzerte und eine Recording-Session noch im Jahr 2024 sind geplant.

GW: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Conchita Wurst?

PN: Unter anderem im Rahmen des Releases des Albums „Truth Over Magnitude“, das Albin Janoska produziert und für das Eva Klampfer (Lylit) die Songs geschrieben hat. Davor war ich ebenfalls schon einige Male in seiner Live-Band dabei. Da die „Truth Over Magnitude“-Musik sehr elektronisch orientiert ist, haben wir dieses Konzept mit zwei Keyboardern umgesetzt. Das war insgesamt eine sehr tolle Erfahrung, weil Tom Neuwirth ein grandioser Frontman, eine starke Bühnenfigur mit großer Ausstrahlung und natürlich ein herausragender Sänger ist. Die Band hat sehr gute Musiker_innen vereint, ein tolles Live-Projekt. Der Gitarrist Severin Trogbacher, auch ein langjähriger Kollege und ehemals Student an der mdw, war musical director und hatte mich für den Job angefragt.

GW: Welche besonderen Erfahrungen hattest du in deinem ersten ipop-Jahr?

PN: Ein Highlight war definitiv das Ensemble, das ich mit Herbert Pichler gemeinsam betreut habe und mit dem wir „Pictures At An Exhibition“ von Emerson, Lake and Palmer umgesetzt haben – mit Rhythmusgruppe plus vier Keyboards. Einer der Musiker hat neben dem Fender Rhodes die Vocalparts übernommen, er studiert im Rahmen seines IME-Studiums im ersten Instrument Gesang und bei mir im zweiten Instrument Tasten. Das Projekt war für alle eine mit Sicherheit sehr coole Erfahrung und ein toller Konzertabend im Porgy & Bess.

Weiters habe ich mich über die jetzt schon sehr gute und enge Zusammenarbeit mit vielen Kolleg_innen an der mdw und insbesondere am ipop gefreut. Vor allem mit meinem Kollegen im zentralen künstlerischen Fach Herbert Pichler konnte ich im letzten Jahr sehr viel weiterbringen. Seit dem letzten Semester ist auch Martin Gasselsberger im Team der Lehrenden als Nachfolger von Heribert Kohlich. Wir sind zu dritt viel im Austausch und auf einem guten Weg zum weiteren Ausbau und zur Pflege einer tollen Tasten-Klasse.

GW: Was möchtest du den Studierenden mitgeben?

PN: Dass Musik laufend im Wandel ist. Dass man sich viel aus der Vergangenheit holen kann und soll. Gleichzeitig geht die Musik immer weiter. Man darf nicht stehenbleiben. Ich wünsche mir für meine Studierenden und mich, dass das Interesse am Forschen an der Musik und das Reflektieren darüber sowie die Freude darüber, Musik an andere in welcher Form auch immer weitergeben und vermitteln zu können, viele, viele Jahre, bis ins hohe Alter sozusagen, erhalten bleibt und die Offenheit für neue Dinge anhält. 

 


Biografie Philipp Nykrin

https://www.philippnykrin.com/