Von Andreas Felber

Europas Jazzprotagonist/innen von morgen zu Gast in Wien.
Seit 1965 entsenden die in der European Broadcasting Union (EBU) zusammengeschlossenen Rundfunkanstalten alljährlich einen hochtalentierten Musiker bzw. eine Musikerin in das Euroradio Jazz Orchestra. Damit diese im ebenso jährlich wechselnden Gastgeberland mit einem arrivierten Profi ein eigens erstelltes Programm erarbeiten und aufführen. 2019 waren die 16 Musiker und Musikerinnen aus ebenso vielen Ländern auf Initiative der Ö1 Jazzredaktion zum ersten Mal seit 1990 wieder in Österreich zu Gast. Mit Christoph Cech konnte einer der profiliertesten Jazzorchester-Experten des Landes als Komponist und Leiter gewonnen werden. Am 17. Oktober gastierte das Euroradio Jazz Orchestra im ORF RadioKulturhaus in Wien, wo Cechs anspruchsvolle, wuchtige Kompositionen den jungen Virtuosen und Virtuosinnen Gelegenheit geben, ihre solistische Brillanz zu zeigen. Andreas Felber präsentierte die Höhepunkte des Abends, der einen Blick auf mögliche Zentralfiguren des europäischen Jazz von morgen eröffnete.

Gesendet in „On stage“ am 28.10.2019

Links:
https://www.ebu.ch/projects/radio/euroradio-jazz-orchestra

Kurzvideo vom Konzert am 17. Oktober 2019 im ORF Radiokulturhaus:
https://cloud.orf.at/index.php/s/7YgT778mo6QdBw2

Programmfolder mit allen Biografien der Musiker_innen – Konzerte von 16.-19. Oktober 2019 in Österreich:
https://www.ebu.ch/files/live/sites/ebu/files/Events/Radio/EJO/OE1_Euroradio%20Jazz%20programm%2019.pdf

Rück- und Ausblicke auf Geschichte bzw. Zukunft des Jazz: Ö1 feierte am 30. April zum vierten Mal den Ö1-Jazztag

„Play it Cool“ war diesmal das Präludium überschrieben. Unter diesem Titel lud „Betrifft: Geschichte“ von 20. bis 24. April zu einem historischen Streifzug durch die Welt des Jazz. Und stimmte damit ein auf den heuer trotz der Corona-Pandemie erneut stattfindenden Ö1-Jazztag am 30. April 2020. Einen Tag lang stand die improvisierte Musik in ihrer prallen, bunten Vielfalt wieder im Mittelpunkt: Von der „Klassiknacht“ und „Guten Morgen Österreich“ bis hin zu einer Spezialausgabe der „Ö1 Jazznacht“ fokussierten alle Musik- und zahlreiche Wortsendungen unterschiedliche Aspekte des Jazz, jener Musik, die in rund 100 Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen hat: von einer afroamerikanischen Volks- und Tanzmusik in den Straßen der US-Südstaaten hin zu einer Kunstform, die in zahllosen Dialekten und Individualstilen auf der ganzen Welt gesprochen und verstanden und in den besten Konzertsälen zelebriert wird.
Warum der 30. April? Das ist jener Tag, den die UNESCO auf Vorschlag ihres Goodwill-Botschafters, des Pianisten Herbie Hancock, vor rund neun Jahren zum „International Jazz Day“ erklärte, „um den Jazz und seine diplomatische Rolle bei der Verbindung von Menschen in allen Ecken des Globus“ zu würdigen, wie es auf der Homepage heißt. Seit 2012 wird der „International Jazz Day“ auf allen fünf Kontinenten mit zahllosen, autonom organisierten lokalen und regionalen Veranstaltungen gefeiert. Das Hauptevent geht in Zusammenarbeit mit dem Herbie Hancock Institute of Jazz in Washington D.C. (bis 2019 nach Thelonious Monk benannt) jedes Jahr in einer anderen Metropole über die Bühne: Nach Havanna (2017), St. Petersburg (2018) und Sydney (2019) wäre 2020 erstmals Afrika an der Reihe gewesen: Capetown sollte am 30. April Mittelpunkt der Feierlichkeiten sein, die Corona-Pandemie hat diesem Vorhaben aber einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Auch auf das Ö1-Programm am 30. April hatte das Virus Auswirkungen: Nicht wie geplant stattfinden konnte abends die Live-Übertragung zweier Konzerte aus dem Wiener Jazzclub Porgy & Bess in der Spezialausgabe von „On stage“. Nachdem hier mit Pianistin Irene Schweizer (Ö1-Jazztag 2018) sowie dem Brüderpaar Rolf und Joachim Kühn (2019) zuletzt – noch immer in juveniler Spiellaune befindliche – Legenden des europäischen Jazz auf der Bühne standen, sollte der Fokus diesmal auf die junge Szene gerichtet sein. Und wurde es auch: Christian Muthspiels mit vielen österreichischen Talenten bestücktes Orjazztra Vienna war zwar nicht auf der Bühne des Porgy & Bess, aber dennoch konzertant präsent: Auf dem Programm stand der Mitschnitt der umjubelten Premiere des Orchesters beim Jazzfestival Saalfelden 2019. Und Tenorsaxofonist Binker Golding, einer der Shootingstars der zurzeit so vielbeachteten jungen Londoner Jazzszene, war ebenfalls nicht live, aber in spannenden Aufnahmen zu erleben: Einerseits im gefeierten Duo Binker & Moses mit Schlagzeuger Moses Boyd, andererseits mit seinem neu formierten Quartett, dessen Österreich-Premiere an diesem 30. April geplant gewesen wäre. Und zum dritten in Duo-Aufnahmen mit Pianistin Sarah Tandy von Gilles Petersons neuem „We Out Here“-Festival, aufgenommen im August 2019 in Abbots Ripton, Cambridgeshire, und zur Verfügung gestellt von der BBC. Der Ö1-Jazztag, er fand trotz mancher Hindernisse statt.

https://jazzday.com
https://oe1.orf.at/jazztag

Andreas Felber
Gebürtiger Salzburger, Jahrgang 1971, lebt seit 1991 in Wien. Arbeitet er als Radiomoderator, Musikjournalist, Musikwissenschaftler und Universitätslektor. Leitet im ORF-Radiosender Ö1 das Ressort Jazz, Popular- und Weltmusik.

Foto: ORF
Link zur Kollektion 2020